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Stadt Arbon Stadt Arbon

Geschichte

Jungsteinzeit

Modell der jungsteinzeitlichen Pfahlbausiedlung Arbon-Bleiche 3 (um 3380 v. Chr.)

Foto: AATG, D. Steiner. www.archaeologie.tg.ch

Der Übergang vom Nomadenleben der Jäger und Sammler ältester Kulturen zum sesshaften Bauer und Handwerker ist ein Meilenstein in der Entwicklungsgeschichte. Die Seebucht zwischen Arbon und Steinach dehnt sich in früheren Zeiten zirka 800 Meter weiter westlich bis gegen Roggwil aus. Am Ufer – im heutigen Bleichegebiet – bauen die ersten Siedler zwischen 3500 und 2500 v.Chr. ihre Dörfer. Die geometrisch angeordneten Häuser und Gassen lassen bereits eine gewisse Bauordnung erkennen. Viehzucht und Ackerbau sowie Fischfang und Jagd ermöglichen den Pfahlbauern einen abwechslungsreichen Speisezettel. Mehrere Fundobjekte sowie das Saatgut stammen aus fernen Ländern, Zeichen europaweiten Tauschhandels. Als Werkstoffe benützen die einheimischen Handwerker Stein, Holz, Knochen, Hörner und gebrannten Ton.

Bronzezeit

Bei der Trockenlegung des feuchten Bleicheareals für vermehrten Anbau von Getreide während des Zweiten Weltkrieges machen die Arbeiter eine erstaunliche Entdeckung: Schon 3500 Jahre vor Saurer sind hier Bronzegiesser am Werk! Internierte polnische Soldaten werden dann 1945 als Schatzgräber eingesetzt, und sie legen ein stattliches Dorf aus der Bronzezeit frei (zirka 1700 v.Chr.). Hunderte aus Bronze gefertigte, teils kunstvoll verzierte Werkzeuge, Jagdwaffen, Gefässe und Schmuckge-genstände verraten kunsthandwerkliches Geschick. Bronze ist eine Legierung aus Kupfer und Zinn. In Arbon verarbeitetes Kupfer stammt aus der Eifel, das Zinn aus dem Südwesten von Grossbritannien; alles Hinweise auf den regen frühzeitlichen Fernhandel.

Die Arboner Pfahlbausiedlungen der Jungsteinzeit und Bronzezeit sind dank der Vielzahl der Fundobjekte und ihres im Grundwasserbereich hervorragend erhaltenen Zustandes von europäischer Bedeutung für Wissenschaft und Forschung.

Reich verziertes Keramikgefäss aus der frühbronzezeitlichen Pfahlbausiedlung Arbon-Bleiche 2 (1650 v. Chr.)

Foto: AATG, D. Steiner. www.archaeologie.tg.ch

Römerzeit

Überrest des Römerkastells

Nach dem siegreichen Feldzug (15 v.Chr.) gegen die Rätier gründen die Römer die Provinz Rätien (Graubünden, Vorarlberg, Bodenseeregion, Allgäu). Gleichzeitig entsteht in Arbon eine kleine Siedlung, wohl ein Umschlagplatz für Handelsgüter. Sie liegt an zwei Hauptverkehrsstrassen. Um 250 n.Chr. drängen germanische Stämme, die Alemannen, nach Süden. Die Römer ziehen sich auf die Oberrhein- Bodenseelinie zurück, die sie als neue Reichsgrenze befestigen. Das Kastell Arbor Felix wird gebaut. Die zirka 350 Meter lange Festungsmauer mit acht Wachttürmen sowie einem tiefen Graben auf der Landseite umschliessen den heutigen Schloss- und Kirchenbezirk. Zahlreiche Originalfunde widerspiegeln den hohen Lebensstandard der Kolonialherren. Herausragende Objekte sind der 145 kg schwere, beschriftete Bleibarren britischer Herkunft sowie die Badeanlage mit Boden- und Wandheizung unter der St. Martinskirche.

Gegen 420 ziehen sich die Römer endgültig auf die Alpensüdseite zurück. Das Bodenseegebiet wird Teil des alemannischen Herzogtums. Viele Römer bleiben in der Gegend. Familiäre Bindungen zwischen ihnen, den Alemannen und den seit jeher ansässigen keltischen Helvetiern lassen friedliches Zusammenleben erahnen.

Mittelalter

Mit der Ankunft der irischen Glaubensboten um Kolumban und Gallus um 612 beginnt die spannende Lokalgeschichte des Mittelalters. Nach zwei Jahren wenig erfolgreicher Missionierung in Vorarlberg ziehen die Iren weiter nach Oberitalien. Gallus bleibt zunächst in Arbon, um dann seine Zelle im Steinachtobel zu errichten - die Keimzelle für das Kloster und die Stadt St. Gallen.

Arbon und seine Bürger werden – im aufstrebenden Fränkischen Reich - um 700 Eigentum des Bistums Konstanz und bischöfliche Obervögte regieren bis 1798 auf Schloss Arbon. "Unter dem Krummstab ist gut leben".
Für die Arboner trifft das Sprichwort durchaus zu. Die Stadt entwickelt sich zum regionalen Marktort. Eine vom Bischof ausgestellte Urkunde vom 29. Januar 1255 bestätigt die Rechte und Pflichten der Bürger gegenüber ihren Grundherren. Sie ist die älteste noch vorhandene Stadtrechtsurkunde im Bodenseeraum und wird im Bürcherarchiv aufbewahrt (2005 feierte die Stadt Arbon ihr 750 Jahre Stadtrecht).

Andauernde Streitigkeiten zwischen den Konstanzer Bischöfen und den St. Galler Äbten sind der Grund für den Bau der Stadtmauer mit Wehrgang, Toren und Graben im 13. Jahrhundert. Mehrmals halten sich gekrönte Häupter auf Schloss Arbon auf. Konradin, der letzte Staufer, wohnt hier während zwei Jahren, was die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt unterstreicht.

Gallusstein - Eingang Galluskappelle Arbon

Neuzeit

Bild aus dem Jahre 1930: Blick in die Kapellgasse Arbon (Heutige Altstadt)

Nach den Wirren der Reformation in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, furcht-baren Pestzügen und dem Dreissigjährigen Krieg (1618-1648), versinkt Arbon in wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit. Hinzu kommt, dass die Arboner nach der Eroberung des Thurgaus durch die alten Eidgenössischen Orte im Jahr 1460 nun de facto zwei Herren dienen sollten. Andauernde Verwaltungsstreitigkeiten mit den Konstanzer Bischöfen und der Eidgenössischen Tagsatzung sowie konfessionelle Zänkereien hemmen jeglichen Fortschritt.

Erst im 18. Jahrhundert stellt sich der ersehnte Aufschwung ein. Gegen 1700 ziehen süddeutsche Leinwandhändler nach Arbon. Nach dem Verlust ihrer Handelsprivilegien in Frankreich (Pfälzischer Erbfolgekrieg) können sie hier weiterhin veredelte Leinwand nach Frankreich liefern. In ihren Manufakturen finden zahlreiche Arboner Arbeit und Verdienst. Das ganze 18. Jahrhundert steht im Zeichen bescheidenen Wohlstandes für Viele. Stattliche Bürgerhäuser und die barocken Wohn- und Geschäftshäuser der reichen Unternehmer zieren noch heute die Altstadt. Die Französische Revolution und das Aufkommen billiger, industriell gefertigter Baumwollprodukte aus Grossbritannien läuten um 1800 den Niedergang der Leinwandblüte ein.

Industrialisierung

Nach der Auflösung des Bistums Konstanz (1803) gelangt die Schlossanlage in den Besitz von Franz Xaver Stoffel. In den Schlossräumen gründet er die Seidenbandweberei Stoffel & Söhne, mit gegen 200 Beschäftigten der erste eigentliche Industriebetrieb. Nach 1850 setzt stürmisches ein: Webereien, Stoffdruckereien und Färbereien, Stickereien, Kleingewerbe und Fabriken. Mechanische Werkstätten und Maschinenfabriken stellen die Maschinen und Gerätschaften für sie her. Franz Saurer und seine Söhne entwickeln ihre Fabrik zum grössten Unternehmen der Ostschweiz mit Stickmaschinen, Nutzfahrzeugen, später Webmaschinen. Arnold Baruch Heine gründet die weltweit zweitgrösste Stickereifabrik mit 2200 Beschäftigten und ebenso vielen Heimarbeitern. Um 1880 zählt Arbon 52 eingetragene Stickereibetriebe. Von 1890 bis 1910 wächst die Einwohnerzahl von 2500 auf knapp 10‘000. Davon sind 49 Prozent Einwanderer: Fabrikanten und Facharbeiter aus Deutschland, Baumeister und Maurer sowie viele hundert junge Frauen aus Italien.

Dreherei um 1900

21. Jahrhundert

Nach Jahren sozialer Spannungen zwischen Patrons und Arbeiterschaft nach der Jahrhundertwende keimt mit der Gründung von Standesorganisationen hüben und drüben allmählich eine gegenseitige Partnerschaft auf. Kranken-, Unfall- Altersversicherungen verbessern den Alltag der Fabrikarbeiterfamilien. Neue Arbeiterquartiere lindern die Wohnungsnot. Das Ende der Stickerei-Industrie, die Krise der 30er Jahre, zwei Weltkriege, Jahre mit wirtschaftlichem Aufschwung und Niedergang sowie die Hochkonjunktur der Nachkriegsjahre prägen Gesellschaft und Politik sowie das Ortsbild bis heute.

Mit dem Niedergang der über Generationen dominanten Firma Saurer gegen Ende des Jahrhunderts wandelt sich Arbon nach einigen Jahren der Stagnation zum vielseitigen, pulsierenden Gewerbe-, Industrie- und Dienstleistungszentrum. Vernünftiges Wachstum mit heute mehr als 14‘000 Einwohnern widerspiegelt die hohe Lebensqualität der Stadt am See.

Texte: Hans Geisser (2013)

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